Taifunstimmung auf Palawan

von Bernt Möhrle

Das casiopenetrante Gepiepe des batteriebetriebenen Reiseweckers im Zimmer nebenan nimmt mir die letzte halbe Stunde meiner ohnehin schon kurz bemessenen Nachtruhe und die Illusion mich ausgeschlafener zu fühlen, wäre sie mir doch vergönnt, diese halbe Stunde.

Die Wände in meinem Kämmerchen in der "Seabreeze Lodge" sind so dünn, daß man fast hindurch schauen kann.

"Zu früh", denke ich, der Kerl, der wahrscheinlich ebenfalls eine Passage auf der "Seafun" gebucht hat, stellte seinen Wecker tatsächlich eine halbe Stunde zu früh.

Er flucht leise etwas Vermurmeltes in den frühen Morgen und schnarcht augenblicklich, als wäre er niemals unterbrochen worden. Leicht angewidert dreh' ich mich aufs Ohr, unternehme einen kurzen, aber vergeblichen Versuch es meinem Zimmernachbarn gleichzutun, um mich schließlich doch aus dem Bett zu wälzen und den frischen Tag von draußen zu beschnuppern. Schließlich ist ja heute Reisetag! Eine Überfahrt von Busuanga nach El Nido (das Nest) mit einem philippinischen Auslegerboot steht auf dem Programm.

Mein kleines Ränzlein ist schnell geschnürt und für den ersten Hunger, den ich kaiserlich frühstücksgewohnter Mensch verspüre, besorg' ich mir auf dem Weg zur Pier in der kleinen Bäckerei ein paar noch warme, herrlich duftende Bisquitküchlein, deren Versprechen nach wohlschmeckendem Gebäck mir rasch gute Laune vermittelt.

Die Pier ist ein Teil des windschiefen Terrassensystems, welches bei Flut etwa zweihundert Meter ins seichte Küstengewässer ragt und Fundament für das exotische Pfahldorf ist.

Sechsuhrdreißig, die goldene Morgensonne ergießt ihr mildes Licht über die Hütten und Holzplanken und die erwartungsfrohen Gesichter der Passagiere, die sich bereits eingefunden haben.

Das Wetter sieht überhaupt vorbildlich aus, wobei zartblauer Himmel und Schönwetterwolken eine angenehme Seereise versprechen.

Nach anfänglicher Zurückhaltung und eher karger Begrüßung, ändert sich mit zunehmender Konversation die Stimmung unter den Passagieren und, aufgelockert durch individuelle Reiseerzählungen, entwickeln sich Pioniergeist und solidarisches Gefühl.

Geradezu geschaffen zum gemeinsamen Erreichen neuer Ufer, wäre da nicht plötzlich die Frau aufgetaucht. Die Art, wie sie mit dem francokanadischen Bootseigner spricht und zwischendurch mit nervösen Augen die Fahrgäste abtastet, läßt in mir den Verdacht aufkommen, daß trotz der weißen Wölkchen irgend etwas nicht stimmt.

Sekunden später kommt die Bestätigung .

Der Eigner, der eigentlich durch sein strahlendes Lächeln die allgemeine Vorfreude bekräftigte,und mit seinem französischen Englisch, aufgepeppt durch typische Einlagen wie "pas probleme" oder "ah oui , tres bien" Zuversicht und Reisefieber entfachte, kratzt sich nun am Kopf und sucht mit zusammengekniffenen Augen den Horizont ab.

Die Erklärung ist dann knapp und in Worten etwa so:

"Meine Damen und Herren, soeben erhalte ich die Nachricht, daß sich nahe Mindoro ein Taifun befindet, der sich in unsere Richtung bewegen soll.

Ich werde mich bei der Wetterstation erkundigen, und sollte sich dies bestätigen, werden wir heute nicht auslaufen können. "Es gibt ein unmittelbar einsetzendes Palaver, ein Diskutieren und Spekulieren, bis das Friedensangebot des Eigners kommt, sich doch erst einmal auf seine Kosten im naheliegenden Café ein "Petit Dejeuner" einzuverleiben, was auch gerne angenommen wird. Anschließend verziehen sich die neun Reisegäste in unterschiedliche Richtungen mit der Anweisung, sich morgen zur gleichen Zeit wieder an der Pier einzufinden.

Der Himmel zeigt in südöstlicher Richtung bereits typische Sturmwolken.

Zerrissen, bizarr wie van Goghs Himmel überm Kornfeld, während im Nordwesten lieblich leichter Kumulus den azurblauen Himmel bedeckt.

Ich nehme eine Motorrikscha und lasse mich zum Hafen von Coron City steuern, um mir ein klares Bild über den Taifun zu verschaffen. In der dortigen Wetterstation erhalte ich bereitwillig Auskunft und anhand der Wetterkarte stellt sich heraus, daß sich das Epizentrum zur Zeit südlich von Mindoro befindet.

Die Bewegungsgeschwindigkeit beträgt durchschnittlich 15 km/h Richtung Nordwest.

Die Rotationsgeschwindigkeit bewegt sich zwischen 120 und 140 km/h. Das bedeutet, der Taifun bewegt sich langsam aber sicher auf Nordpalawan, sprich Coron City, wo wir uns befinden zu.

Sollte er, was auch sein könnte, südlich abdriften, würde das bedeuten, daß El Nido seine Kraft zu spüren bekäme. Das wiederum ließe die Idee meiner dort beabsichtigten Tauchgänge verblassen. Nach einem Taifun ist das Meer für einige Tage so aufgewühlt, daß man in einem Baggersee wahrscheinlich bessere Chancen hat, was die Sicht anbelangt. Hinzu kämen die abgesunkenen Temperaturen und der tagelange Regen.

Ich stehe vor der Entscheidung: El Nido oder Manila, wobei ich schließlich letzteres wähle, denn die Zeit drängt, weil ich dieses schöne Inselreich der Philippinen bald wieder verlassen muß.

Ich gebe meine Schiffspassage dem verständnisvoll lächelnden Eigner zurück, um mir ein Flugticket von Coron nach Manila zu kaufen.

Pacific Air ist eine kleine Islandhopperairline mit ebenso kleinem Fluggerät. Das Office ebenfalls klein, dient neben dem Verkauf von Tickets auch noch als Gemischtwarenladen, Kinderschlafzimmer und Stall für verschiedene Kleintiere. Nach meiner Anfrage entsteht zunächst eine Diskussion zwischen den beiden anwesenden Damen in Tagallog, der Landessprache, ob und wann eine Maschine geht, während beide damit beschäftigt sind, ihrem Haar mit Hilfe von Lockenwicklern etwas mehr Fülle zu verleihen. Danach beginnt ein emsiges Suchen nach den Tickets mit dem tückischen Resultat, daß dieselben sich in einem abgeschlossenen Stahlschrank befinden müßten. Der Schlüssel allerdings ? Ein kleiner Junge wird losgeschickt, besagten Schlüssel herbeizuholen.

Zwischenzeitlich plaudere ich mit den Damen ein wenig über die jüngsten Ereignisse.

Nach etwa zwanzig Minuten kehrt der Junge mit dem Schlüssel zurück, was meine Chancen Busuanga zu verlassen tatsächlich erhöht. Eine der Damen hat mittlerweile die Lockenwickler entfernt, und schickt sich an mit wallendem Schopf das Ticket auszustellen. Ich bin begeistert!

Zum Bezahlen scheint meine Kreditkarte durchaus willkommen, allerdings nur unter der Bedingung, daß man sie zwecks Abrechnung nach Manila schickt, und ich sie mir dort in eineinhalb bis zwei Wochen wieder abholen könnte. Zum Glück verfüge ich noch über ausreichend Bargeld, um die Sache Cash zu regeln.

Mittlerweile hat sich der Himmel dramatisch verändert. Über die Berge kriechen dicke, schwarze Regenwolken. Das Meer verliert zusehends seinen Urlaubsteint, und zunehmende Windböen rütteln an den Kokosnüssen und klappern am Bambuswerk von Hütten und Dächern. Die Hauptstraße ist voller Menschen, die mit ängstlichen Augen zum Himmel schauen. Auch ich richte meinen Blick nach oben und sehe einen mächtigen Regenbogen senkrecht im schwarzen Nichts verschwinden.

Es fängt an zu regnen, und ein Schwein rennt in höchster Erregung laut quiekend um eine Kokospalme, angebunden, so daß der Strick um seinen Hals mit jeder Umrundung kürzer wird, bis es sich fast stranguliert

Es liegt Spannung in der Luft. Ein allmähliches Bewußtwerden, dessen, was irgendwo irgendwann gestartet wurde und nun unaufhaltsam und todsicher abläuft.

Ein chronologischer Vorgang, den keine Macht der Welt zu stoppen vermag.

Die Menschen hierzulande sind mit Naturereignissen dieser Art vertraut. Sie sind mit Taifunen aufgewachsen, haben überlebt und sehen mit asiatischer Gelassenheit dem entgegen, was man doch nicht ändern kann.

Man weiß wie es kommen kann, richtet sich ein und beugt sich der Macht.

Es ist windstill geworden und der Himmel schwarz wie Pech.

Der Regenbogen ist längst wieder verschwunden und der Tag geht zu Ende.

In der Nacht pfeifen ein paar heftige Böen, die sich später zum handfesten Sturm aufbauen.

Einige Gegenstände haben sich losgerissen und poltern lautstark irgendwo durch das Dunkel. Fenster schlagen, Türen knallen, gegen drei Uhr wird es stiller, doch die Nacht bleibt schwarz. Ich schlafe ein.

Kurz nach fünf werde ich vom Todesschrei eines Schweins geweckt, das sie gerade vor meinem Fenster schlachten. Ich beobachte, wie Regen sich mit dem Blut des getöteten Tieres vermischt und als rotes Bächlein über die Planken des Pfahlhauses ins seichte Meer fließt.

Der Anblick verschafft mir einen Friedhofsgeschmack auf der Zunge, und meine Verdauung will sich augenblicklich in die Endphase begeben, so daß ich mich sputen muß den Ort aufzusuchen.

Draußen beginnt ein neuer Tag. Ich denke an meine Reisegefährten Susanne, Klaus und Peter. Ob sie es heute wohl schaffen werden mit der Seafun auszulaufen?

Ich sehe Gepäck auf der Pier liegen und kann es nicht verhindern, daß mir ein Lächeln über mein verschlafenes Gesicht huscht. Boot und Eigner sind weit und breit nicht zu sehen. Die haben sich aus dem Staub gemacht, um das völlig marode Getriebe zu überholen. Mit so einem Boot übers offene Meer zu fahren ist ein Risiko, und leider kommt es vor, daß einige ihr Ziel nicht erreichen und für immer in den Wellen verschwinden.

Der Wind hat also auch für heute die Überfahrt abgeblasen. Wir ziehen uns ins Guesthouse zurück um erst einmal abzuwarten. Das kraftvolle Aufbrausen der Sturmböen, die rasenden, immer dichter werdenden Wolken, lassen die Umwelt zeitweise völlig verschwinden; niederklatschende Regenfälle werden vom heulenden Sturm akustisch untermalt. Es steigert sich zu einem nie endenden Vorspiel, das eine schier zerreißende Hochspannung erzeugt, den tosenden Höhepunkt herbeisehnen läßt, und durch seine Gewalt bis ins Mark erschüttert, bis sich der erlösende Schrei der Ekstase durch die Kehle preßt.

Ein Taifun kommt langsam.

Die Sonne ist untergegangen. Der Sturm jagt mit Windgeschwindigkeiten von acht bis neun Beaufort.

Wir sitzen im kleinen Restaurant bei einem leckeren Lapu Lapu-Fisch, als es los geht. Der Vorhang aus zwei Millimeter starker Plastikfolie, schwer wie ein großer Bidjarperser, fliegt mit lautem Klatschen davon, und der Sturm bricht ungehindert herein wie in " Meuterei auf der Bounty " in sechskanal Stereo. Das Wasser kommt von irgendwoher horizontal angeschossen und macht die Außenwelt unsichtbar.

Die nicht besetzten Stühle werden von Geisterhänden weggefegt. Alles was nicht niet - und nagelfest ist wird dem Sturm zur Beute. Draußen hört man es krachen und scheppern, und im chaotischen Auftritt der Elemente fliegt eine große blaue Öltonne vorbei und landet im Meer, gleich darauf noch eine. Das Dach des Restaurants erscheint auf einmal verdächtig leicht, und man spürt den Drang , es irgendwie festzuhalten, sich daran zu hängen. Das ganze Haus vibriert und ächzt, und die alles einnehmende Energie wirbelt mich zwischen Angst und Lust hin und her.

Die Hexen tanzen auf dem Besen und die Götter spielen Diabolo. Nach zwei Stunden ist der Spuk vorbei und es wird nahezu windstill.

Am nächsten Tag erfahren wir, daß der Taifun bei Puerto Princesa Palawan gekreuzt, und auf seinem Weg sechs Menschenleben mitgenommen und viele obdachlos gemacht hat. Wir befanden uns etwa hundertzwanzig Kilometer nördlich vom Epizentrum und bekamen sozusagen nur die Ausläufer zu spüren.

Zwei Tage später in meiner Maschine nach Manila berichtet uns der Pilot, daß sich ein weiterer Taifun von Nord Luzon in Richtung Chinesisches Meer bewegt.

 

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